Nachhaltige Lieferkette im Mittelstand: Pflichten, Lieferantenbewertung und Siegel
Johanna Jung · geprüft am 15. Oktober 2026
Eine nachhaltige Lieferkette heißt: Ein Unternehmen kennt die Herkunft seiner Rohstoffe und Vorprodukte, bewertet seine Lieferanten nach Umwelt- und Menschenrechtsrisiken und belegt verantwortliche Beschaffung mit Nachweisen. Bei produzierenden Unternehmen liegen hier meist die größten Auswirkungen und die meisten Anfragen von Kunden.
Welche Lieferkettenpflichten erreichen Ihr Unternehmen?
Stand 15.10.2026.
| Pflicht | Direkt verpflichtet | Wie der Mittelstand betroffen ist | Stand |
|---|---|---|---|
| Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) | Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten in Deutschland | Kunden verlangen Verhaltenskodex, Fragebögen, Audits, Abhilfe bei Verstößen | Sorgfaltspflichten gelten; Novelle zur Abschaffung der Berichtspflicht und Beschränkung der Bußgelder auf schwere Verstöße im Verfahren (BT-Drs. 21/2474) |
| EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) | nach Omnibus I ab 5.000 Beschäftigten und 1,5 Mrd. € Umsatz | indirekt über sehr große Kunden | Umsetzung in nationales Recht bis Juli 2028 |
| EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) | wer Rinder, Kakao, Kaffee, Ölpalme, Kautschuk, Soja, Holz oder daraus hergestellte Produkte erstmals in der EU in Verkehr bringt oder ausführt | direkt, wenn Sie Rohstoffe importieren; sonst Referenznummer der Sorgfaltserklärung aufbewahren | ab 30.12.2026 (mittlere und große Unternehmen), ab 30.06.2027 (Klein- und Kleinstunternehmen); vereinfachte Erklärung für kleine Unternehmen |
| CSRD (Wertschöpfungskette) | ab 1.000 Beschäftigten und 450 Mio. € Umsatz | Datenanfragen zu Lieferkette und Emissionen; begrenzt durch den VS für Unternehmen bis 1.000 Beschäftigte | ab GJ 2027 |
| UWG (Siegel) | alle, die mit Siegeln werben | nur Siegel mit Zertifizierungssystem oder staatlicher Festsetzung | seit 27.09.2026 |
Im Mittelstand funktioniert die Lieferantenbewertung am besten über eine Online-Plattform, die Fragebögen zu Nachhaltigkeitsthemen automatisiert verschickt und nachhält. Dazu gehört eine Lieferantenmatrix nach Risiko.
Lieferantenbewertung in fünf Schritten
- Lieferanten priorisieren nach Einkaufsvolumen, Herkunftsland und Rohstoffrisiko (Tabelle unten).
- Anforderungen festlegen: Verhaltenskodex für Lieferanten, Nachweise je Rohstoff (Siegel, Herkunftsnachweise, Geodaten für EUDR-Rohstoffe).
- Bewerten: Selbstauskunft, Zertifikate prüfen, bei hohem Risiko Audit vor Ort oder durch Dritte.
- Maßnahmen vereinbaren: Verbesserungspläne, bei schweren Verstößen Abhilfe und als letztes Mittel Beendigung.
- Wiederholen und berichten: jährlich; Anteil bewerteter Lieferanten als Kennzahl im Bericht. Kennzahlen im Nachhaltigkeitsmanagement
Rohstoffe mit erhöhtem Risiko im Mittelstand
| Rohstoff | Typisches Risiko | Nachweis |
|---|---|---|
| Palmöl, Palmkernöl (Kosmetik, Reinigung, Lebensmittel) | Entwaldung, Landrechte | RSPO (segregiert, Mass Balance); EUDR |
| Holz, Zellstoff, Papier, Verpackung | Entwaldung, illegaler Einschlag | FSC, PEFC; EUDR |
| Soja, Kakao, Kaffee | Entwaldung, Kinderarbeit | EUDR, Fairtrade, Rainforest Alliance |
| Baumwolle, Textilien | Zwangsarbeit, Wasser | GOTS, Fairtrade Cotton |
| Mineralien (Zinn, Tantal, Wolfram, Gold) | Konfliktfinanzierung | EU-Konfliktmineralienverordnung (für Importeure) |
Für kleine und mittlere Unternehmen bedeutet die EUDR vor allem mehr Transparenz in der Lieferkette und zusätzliche Dokumentationspflichten. Betroffene Rohstoffe und Produkte müssen entwaldungsfrei und legal erzeugt sein. Importeure und Erstinverkehrbringer erheben Geodaten und reichen Sorgfaltserklärungen im EU-Portal ein. Nachgelagerte Händler haben leichtere Nachweispflichten, müssen ihre Beschaffung aber ebenfalls anpassen.
Palmöl: Eine Substitution verlagert die Probleme. Weniger Konsum und weniger Nachfrage nach Palm- und Palmkernöl sind der bessere Weg. Palmöl im Visier.
Siegel und Zertifizierungen in der Lieferkette
| Siegel | Wofür | Prüfung |
|---|---|---|
| FSC (Forest Stewardship Council) | Holz, Papier, Zellstoff aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern | unabhängige Zertifizierung; Produktkettenzertifizierung (Chain of Custody) für alle Verarbeiter und Händler |
| PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification) | wie FSC, mit nationalen Waldstandards | unabhängige Zertifizierung, Chain of Custody |
| Nordisches Umweltzeichen (Nordic Swan Ecolabel) | Produkte über den ganzen Lebenszyklus, seit 1989 vom Nordischen Ministerrat | Kriterien je Produktgruppe, Vor-Ort-Prüfung |
| EU Ecolabel | Umweltzeichen der EU für Produkte und Dienstleistungen | staatlich festgesetzt |
| Blauer Engel | Umweltzeichen der Bundesregierung | staatlich festgesetzt |
| RSPO | Palmöl | Zertifizierung entlang der Lieferkette |
| Fairtrade | faire Preise und Arbeitsbedingungen | unabhängige Zertifizierung |
FSC- und PEFC-Siegel sichern unter anderem zu, dass kein illegal geschlagenes Holz verwendet wird, schützenswerte Wälder erhalten bleiben, Rechte der Beschäftigten und der lokalen Bevölkerung gewahrt sind und die ILO-Kernarbeitsnormen gelten.
Seit dem 27.09.2026 dürfen nur Siegel verwendet werden, die auf einem Zertifizierungssystem beruhen oder staatlich festgesetzt sind. Was seit 27.09.2026 bei Siegeln gilt.
Papier und Holz: worauf Unternehmen achten
Papier ist für Büros, Verlage und Verpackungshersteller oft der größte Holzverbrauch. Nachhaltig ist Papier, wenn es aus Recyclingfasern besteht (Blauer Engel) oder aus zertifizierter Forstwirtschaft (FSC, PEFC) stammt. Papier und Papierverpackungen fallen unter die EUDR; Bücher, Zeitungen und Zeitschriften wurden 2025 aus dem Anwendungsbereich genommen. Für Unternehmen heißt das: Einkaufsrichtlinie für Papier und Verpackung festlegen, Siegel als Nachweis verlangen, Verbrauch senken.
Aus der Praxis
Lieferkette im Nachhaltigkeitsmanagement verankern · Schulungen zu FSC, PEFC und RSPO (1 bis 2 Stunden, auch online) · Was Zulieferer unter der CSRD liefern müssen · Handlungsfeld Lieferkette und Produktion im Check
Häufige Fragen
Gilt das Lieferkettengesetz für KMU?
Direkt nicht; es gilt ab 1.000 Beschäftigten in Deutschland. Kleinere Unternehmen sind über ihre Kunden betroffen, die Kodizes, Fragebögen und Audits verlangen.
Ab wann gilt die EUDR?
Ab 30.12.2026 für mittlere und große Unternehmen, ab 30.06.2027 für Klein- und Kleinstunternehmen (Stand 15.10.2026).
Was ist der Unterschied zwischen FSC und PEFC?
Beide zertifizieren nachhaltige Forstwirtschaft und die Produktkette. FSC ist international einheitlich aufgebaut, PEFC erkennt nationale Waldstandards an.
Was ist eine Lieferantenbewertung?
Die regelmäßige Bewertung von Lieferanten nach Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken mit Selbstauskunft, Nachweisen und bei hohem Risiko Audits.
Darf ich noch mit Siegeln werben?
Ja, mit Siegeln anerkannter Zertifizierungssysteme oder staatlicher Umweltzeichen. Selbst erfundene Siegel sind seit dem 27.09.2026 verboten.
Lieferkette und Siegel: Erstgespräch
In 30 Minuten klären wir Ihren Anlass, Ihren Stand und welche Leistung passt. Kostenlos, per Video oder Telefon. Termine vor Ort finden beim Kunden statt.
Johanna Jung, zertifizierte Nachhaltigkeitsmanagerin (GUTcert)
